Flechtarbeiten aus dem Burgenland

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Piringsdorf, Korbflechten

Werden mehrere Stränge biegsamen Materials in einander geschlungen, bezeichnet man diese Tätigkeit als "flechten". Der Unterschied zum Weben liegt darin, dass beim Flechten die Fäden nicht rechtwinklig zugeführt werden. Da man dazu kaum Werkzeuge benötigt, gilt "flechten" als eine der ältesten Herstellungsmethoden des Menschen.

Im heutigen Burgenland - bis 1921 Teil der westungarischen Komitate Wieselburg, Ödenburg und Eisenburg - sind in dieser Technik hergestellte Erzeugnisse zumindest seit der Jungsteinzeit nachweisbar.

Das "biegsame Material" stammte bis weit in das 20. Jahrhundert hinein von Pflanzen der Region wie Bast (meist von Linde und Eiche), Weide, Reisig, Schilf, Stroh und Binsen, aber auch aus Leder. Diese Stoffe wurden natürlich für unterschiedliche Gegenstände verwendet.

Vermutlich aus dem "Hausfleiß", der für den eigenen oder einen engen lokalen Bedarf produzierte, entstanden, entwickelte sich auch im westungarischen Raum mit seinen kleinen landwirtschaftlichen Flächen (die häufigste Größe der bäuerlichen Betriebe waren die "Viertellehen") in manchen Gebieten dann ein Hausgewerbe.

In der "Ökonomie des Mangels" waren die Produkte nahezu ausschließlich Gebrauchsgegenstände für Landwirtschaft und Haushalt; Ziergegenstände sind erst aus dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts in größerer Zahl erhalten.

Wohl zu den ältesten und auch wichtigsten geflochtenen Erzeugnissen zählen die Körbe unterschiedlichster Größe und Formen, die sowohl für den Transport als auch zur Lagerung verwendet wurden. Deren Herstellung war im 1. Drittel des 20. Jahrhunderts der wichtigste Nebenerwerb im Bezirk Mattersburg, vor allem in den Ortschaften entlang der Wulka. In Piringsdorf und Umgebung wurden bis in das letzte Drittel des 20. Jahrhunderts ebenfalls große Mengen von Körben hergestellt und von mehreren Großhändlern verkauft Heute gibt es nur mehr ein Geschäft, das geflochtene Waren aller Art verkauft; diese sind jedoch nahezu ausschließlich importiert.

Ein wichtiger Transportbehelf ist der Buckelkorb, ermöglicht er doch das Tragen über größere Strecken.

Auch die meist "Korbatsch" oder ähnlich genannte Gerte, die von Kindern für den Brauch des "Frisch-und-Gesund-Schlagens" am 28. Dezember ("Tag der unschuldigen Kinder") verwendet wurde, war aus - meist fünf - Weidenruten geflochten.

Im traditionellen landwirtschaftlichen Betrieb waren meist mehrere Siebe in unterschiedlichen Größen vorhanden. Manche davon ("Reiter") wurden zum Trennen der Frucht von der Spreu nach dem Drusch verwendet. In der 1930 Jahre verdienten sich auch Angehörige der Volksgruppe der burgenländischen Roma (damals "Zigeuner") ihren Lebensunterhalt.

Ein wichtiger Werkstoff für Flechtarbeiten ist das Stroh. Im Burgenland war es bis in die 2. Hälfte des vorigen Jahrhunderts in großen Mengen vorhanden. Heute ist es nur mehr in kleineren Mengen in geeigneter Form verfügbar. Dies deshalb, weil die großen Dreschmaschinen und die Mähdrescher die Halme zerschlagen und zerreißen. Daher muss das Rohmaterial für Strohobjekte in Handarbeit hergestellt werden, wodurch es sehr teuer wird.

Aus Stroh wurden (und werden bereits wieder) ebenfalls Körbe für unterschiedliche Zwecke hergestellt, aber auch Sitzflächen und/oder Sitzlehnen aus diesem Material angefertigt.

Bis ins 20. Jahrhundert waren noch zahlreiche Häuser oder landwirtschaftliche Nebengebäude mit Stroh gedeckt. Heute gibt es - außer in Freilichtmuseen - nur mehr wenige Gebäude, die Strohdächer haben. Eine Ausnahme bildet das "historische Kellerviertel" in Heiligenbrunn, das als geschlossenes Ensemble unter Denkmalschutz steht; in ihm sind die meisten Dächer noch aus Stroh.

In Gegenden mit viel Schilf - vor allem also in der Nähe des Neusiedler Sees - wurde statt Stroh Schilf verwendet. Mit ihm wurden jedoch nicht nur für Dächer gedeckt und kleiner Bauwerke, wie Unterstände für Hirten , errichtet, sondern auch für Matten (als Ersatz für Teppiche), aber vor allem als Isoliermaterial oder als Untergrund für Fassaden verwendet.

Etwa ab den 1970er Jahren wurde vorwiegend in den Orten um den Neusiedler See neben (oder auch an Stelle der dann nicht mehr im Haushalt verwendeten) Gebrauchsgegenständen Ziergegenstände wie "Strohsterne", Kreuze oder ähnliche, oft sehr kunstreiche Gebilde, meist von Frauen

Herstellung eines Ziergegenstandes aus Stroh, Weiden am See. Foto:© Elfriede Hanak, Wien

Sie wurden vorwiegend in den Monaten mit stärkerem Fremdenverkehr vorwiegend am Wochenende vor den Häusern entlang der Hauptverkehrsstraßen (damals noch die "Hauptstrasse" des Ortes) verkauft.

Aber nicht nur das Stroh des Getreides, sondern auch die "Maisstroh" genannten Blätter des Maises ("Kukuruz") wurden als Rohmaterial für Gebrauchgegenstände wie Taschen, Hausschuhe , Matten, aber auch Sitzflächen von Sesseln oder Hockern verarbeitet. Dazu mussten die Blätter vor der Verarbeitung in heißem Wasser eingeweicht und geschmeidig gemacht werden.

Nur mehr wenige fachkundige Personen beherrschten im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts die Herstellung einer Hirtenpeitsche ("Goasl" oder "Hoidakleschn" genannt). Diese besteht aus einem kurzen Holzgriff und einem zwei bis drei Meter langen, geflochtenen Lederriemen.

Herstellung einer Hirtenpeitsche, Pamhagen. Foto:© Elfriede Hanak, Wien

Die Fotografin Elfriede Hanak hielt in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts die damals letzten Vertreter der hier angeführten, aber auch noch zahlreicher anderer in traditioneller Technik hergestellter Alltags- und Brauchtumsgegenstände fest .

Einige Produkte der "lebendigen Volkskunst" stellt heute tatsächlich niemand mehr her. Manche davon werden heute noch immer beziehungsweise: schon wieder im Land hergestellt. Dies ist sicher einerseits ein Ausdruck des Unbehagens den irgendwo in Billiglohnländern produzierten, auf allen Kontinenten verkauften Waren gegenüber, andererseits jedoch auch ein Ergebnis der Rückbesinnung auf regionale Traditionen in einem "Europa der Regionen".

Dr. Wolfgang Gürtler
Ethnograph